Brunch-Verabredung: Warum wir wieder öfter zum Frühstück einladen sollten
- Pia

- vor 1 Minute
- 5 Min. Lesezeit
Brunch is back. Aber bitte nicht mit drei Stunden Küchenstress.
Es gibt Einladungen, die klingen schon beim Aussprechen nach Arbeit.
„Wir geben ein Dinner.“
Man hört förmlich das Menü rascheln, sieht die Einkaufsliste wachsen und fragt sich spätestens beim Gedanken an Vorspeise Nummer zwei, warum man nicht einfach einen Tisch reserviert hat.
Und dann gibt es Brunch.
Brunch klingt nach Sonntag. Nach Kaffee, der nachgeschenkt wird. Nach Croissants, die krümeln dürfen. Nach Menschen, die eigentlich nur kurz bleiben wollten und zwei Stunden später immer noch am Tisch sitzen.
Vielleicht mag ich ihn deshalb so gern.
Denn Brunch ist Gesellschaft ohne großes Gesellschaftstheater.

Aus einem normalen Vormittag wird ein kleiner Anlass
Die neue Lust am Brunch passt wunderbar zu etwas, das ich ohnehin sehr mag: Everyday Luxury.
Damit meine ich nicht Champagner zum Frühstück und auch keine Serviettenringe aus massivem Silber.
Sondern die Idee, ganz gewöhnliche Dinge ein kleines bisschen schöner zu machen.
Den Kaffee nicht schnell im Stehen trinken, sondern aus der Lieblingstasse. Blumen nicht für „irgendwann einmal“ kaufen, sondern für heute. Und Freunde nicht erst dann einladen, wenn es einen Geburtstag, Jahrestag oder sonst irgendeinen offiziell anerkannten Grund dafür gibt.
Ein Sonntagvormittag reicht vollkommen.
Vielleicht sogar ein Mittwoch.
Misses Russo wäre da ohnehin pragmatisch: Wenn die richtigen Menschen Zeit haben, ist das Anlass genug.
Die wichtigste Brunch-Regel: Bitte nicht übertreiben
Ich kenne diese Falle.
Man lädt vier Menschen zum Brunch ein und plötzlich plant man, als müsste man ein kleines Boutiquehotel eröffnen.
Selbst gebackenes Sauerteigbrot! Drei Aufstriche! Eggs Benedict! Granola, natürlich selbst gemacht! Obstsalat! Pancakes!
Und irgendwo zwischen pochiertem Ei Nummer sieben und dem dritten Mixeraufsatz fragt man sich, warum die Gäste eigentlich so verdammt pünktlich sein müssen.
Deshalb gilt bei mir die 70/30-Regel:
70 Prozent dürfen gekauft sein. 30 Prozent selbst gemacht.
Gutes Brot vom Bäcker. Croissants ebenfalls. Käse, Schinken, Butter, Marmelade, Joghurt und Obst müssen nicht durch meine persönliche Manufaktur gegangen sein.
Dafür gibt es eine Sache, die besonders ist.
Eine große Frittata aus dem Ofen. Shakshuka. French Toast mit Beeren. Pancakes. Oder Eggs Benedict, falls man zu den Menschen gehört, die am Sonntagvormittag gerne pochieren.
Ich gehöre nur gelegentlich dazu.
Mein unkompliziertes Brunch-Prinzip
Damit ein Tisch großzügig aussieht, braucht er erstaunlich wenig.
Ich würde auf fünf Dinge setzen:
1. Etwas aus dem Brotkorb
Croissants, Baguette, Sauerteigbrot oder kleine Brötchen. Am besten verschiedene Sorten in einen großen Korb werfen. Sieht sofort nach mehr aus.
2. Etwas Herzhaftes
Käse, Prosciutto, Frischkäse, Lachs oder ein guter Aufstrich. Lieber drei wirklich gute Dinge als zwölf mittelmäßige.
3. Etwas Warmes
Das ist mein Brunch-Trick. Ein warmes Gericht lässt alles sofort nach „Ich habe gekocht“ aussehen. Selbst wenn der Rest vom Lieblingsbäcker stammt.
4. Etwas Frisches
Beeren, Feigen, Trauben, Melone oder was gerade Saison hat. Nicht kompliziert dekorieren. Auf eine große Platte geben und fertig.
5. Etwas Süßes
Kuchen, Zimtschnecken, Pain au Chocolat oder kleine Madeleines. Und ja: gekauft ist ausdrücklich erlaubt.
Schon steht ein Brunch auf dem Tisch, der nach sehr viel mehr Aufwand aussieht, als tatsächlich dahintersteckt.
Misses Russo liebt solche Täuschungsmanöver.
Der Tisch: Café in Paris statt Frühstückspension
Beim Brunch darf der Tisch ein bisschen lässiger sein.
Keine perfekte Tafel. Keine militärisch ausgerichteten Gabeln. Und bitte keine Dekoration, die so groß ist, dass man sein Gegenüber nur noch schemenhaft erkennt.
Ich mag kleine Vasen mit einzelnen Blumen oder Kräutern, Leinenservietten, hübsche Wassergläser und Geschirr, das nicht zwingend aus einer Serie stammen muss.
Gerade unterschiedliche Teller, Schälchen und Gläser können wunderbar aussehen, wenn sie miteinander harmonieren.
Dazu Butter in eine schöne Schale statt in der Verpackung, Marmelade in ein kleines Glas und Wasser in eine Karaffe.
Das dauert fünf Minuten.
Macht aber einen erstaunlichen Unterschied.
Mein Lieblingsprinzip: Alles, was auf den Tisch kommt, darf hübsch aussehen – aber nichts darf aussehen, als hätte ich seit Donnerstag daran gearbeitet.
Kaffee? Bitte ohne Bestellformular
„Cappuccino mit Hafermilch.“
„Für mich einen Verlängerten.“
„Hast du auch entkoffeiniert?“
Und plötzlich steht die Gastgeberin seit 25 Minuten an der Kaffeemaschine.
Nein.
Eine große Kanne guten Kaffee auf den Tisch. Milch und eine pflanzliche Alternative dazu. Wer eine Espressomaschine hat, darf sie natürlich benutzen – aber bitte nicht den gesamten Vormittag als unbezahlte Barista verbringen.
Dasselbe gilt für Tee: zwei oder drei Sorten reichen völlig.
Es geht um Zusammensein.
Nicht um gastronomische Vollversorgung.
Ein Drink macht aus Frühstück Brunch
Hier darf es ein kleines bisschen glamouröser werden.
Ein Signature Drink macht sofort etwas her – und erspart gleichzeitig die Frage: „Was darf ich dir anbieten?“
Zum Beispiel:
Mimosa mit Orangensaft und Prosecco.
Bellini mit Pfirsich.
Oder alkoholfrei: Grapefruitsaft, Tonic, viel Eis und ein Zweig Rosmarin.
Alles in schöne Gläser, eine Karaffe Wasser daneben – und plötzlich fühlt sich der Sonntagvormittag ein bisschen nach Urlaub an.
Und genau darum geht es.
Die unterschätzte Zutat: Musik
Ein stiller Raum kann selbst den schönsten Brunch erstaunlich förmlich machen.
Deshalb läuft bei mir Musik.
Nicht laut. Nicht „Achtung, hier kommt meine Playlist“. Sondern einfach im Hintergrund.
French Pop. Café Jazz. Bossa Nova. Soul. Vielleicht ein bisschen italienischer Sommer.
Musik verändert einen Raum sofort.
Sie sagt unauffällig: Bleibt ruhig noch ein bisschen.
Wann lädt man eigentlich zum Brunch ein?
Meine Lieblingszeit: 10.30 oder 11 Uhr.
Früh genug, damit es noch Frühstück sein darf. Spät genug, damit niemand um sieben Uhr morgens Kräuter hacken muss.
Und noch etwas: Nicht alles erst machen, wenn die Gäste da sind.
Tisch am Vorabend decken. Getränke kalt stellen. Platten und Schüsseln bereitstellen. Alles, was kalt serviert wird, vorbereiten.
Am Morgen bleiben Kaffee, das warme Gericht und vielleicht noch Blumen auf dem Tisch.
Mehr nicht.
Denn jetzt kommt die wichtigste Regel überhaupt.
Gastgeberin sein heißt nicht, den ganzen Vormittag zu verschwinden
Wir kennen sie alle.
Diese Gastgeberin, von der man während der Einladung hauptsächlich den Rücken sieht.
„Ich bin gleich da!“
Dann verschwindet sie wieder in der Küche.
Kommt mit einer Schüssel zurück.
Springt auf, weil noch etwas fehlt.
„Nein, nein, bleibt sitzen!“
Und ist wieder weg.
Nach drei Stunden haben alle hervorragend gegessen – nur mit der Gastgeberin kaum gesprochen.
Misses Russo würde sagen:
Setz dich hin.
Der Käse überlebt zehn Minuten ohne Betreuung.
Das Brot muss nicht permanent nachsortiert werden.
Und niemand wird später erzählen: „Wunderbarer Vormittag. Besonders beeindruckt hat mich, dass die Butter zu keinem Zeitpunkt unter 80 Gramm gefallen ist.“
Menschen erinnern sich an Stimmung.
An Gespräche.
An Lachen.
An dieses angenehme Gefühl, dass niemand auf die Uhr schaut.
Und wenn plötzlich jemand länger bleibt?
Perfekt.
Genau das war der Plan.
Vielleicht wird noch eine Flasche geöffnet. Vielleicht kommt irgendwann eine Schale Oliven auf den Tisch. Vielleicht steht um drei Uhr nachmittags immer noch das Frühstücksgeschirr herum.
Dann war es ein guter Brunch.
Denn Gastfreundschaft bedeutet für mich nicht, dass alles perfekt vorbereitet ist.
Sie bedeutet, dass Menschen gerne bleiben.
Und vielleicht ist genau das die schönste Seite dieser neuen Lust auf Café-Kultur, Brunch und Einladungen zu Hause:
Wir machen aus etwas ganz Alltäglichem wieder einen kleinen Anlass.
Nicht, weil wir müssen.
Sondern weil es schön ist.
Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr besondere Anlässe. Vielleicht sollten wir nur wieder mehr Anlässe besonders machen.
Misses Russo approves.
Fotocredits. https://www.jimbobart.com, https://www.photowall.com, https://desenio.com/, https://casabyjj.com/, https://www.micucci.store, https://charlesandmarie.de, https://www.talkingtables.co.uk, https://www.beaniesflavourco.co.uk, https://yougotprints.com, https://www.peterreed.com/, https://www.annabeljames.co.uk, https://www.marksandspencer.com/, https://www.victoriaeggs.com



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